Ermordung von Sarajevo: 1914 – 2014

Hundert Jahre nach dem Attentat von Sarajevo müssen die Lehren nicht vergessen werden.

Die Globalisierung zwingt uns, Verantwortung zu übernehmen, die manchmal über unsere engen Interessen hinausgeht. Auch wenn sie außerhalb unserer gewohnten Komfortzone liegen. (Quelle: Reuters)Die Globalisierung zwingt uns, Verantwortung zu übernehmen, die manchmal über unsere engen Interessen hinausgeht. Auch wenn sie außerhalb unserer gewohnten Komfortzone liegen. (Quelle: Reuters)

Von: Michael Steiner

Heute, vor genau hundert Jahren, wurde der österreichische Thronfolger in Sarajevo erschossen. Fünf Wochen später brach der Erste Weltkrieg aus. Es kostete mehr als 17 Millionen Menschen das Leben. Allein 60.000 indische Soldaten starben auf den Schlachtfeldern in Afrika und Europa. Unzählige haben gelitten, wurden fürs Leben getrübt. Die bahnbrechende Katastrophe des 20. Jahrhunderts, wie George Kennan sie nannte.

Während dieses ganzen Jahres trafen sich Staats- und Regierungschefs aus Frankreich, Großbritannien, Italien, Belgien, Russland, Polen, Deutschland und vielen anderen Ländern, um gemeinsam des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs – la Grande Guerre – zu gedenken.



Verstehen, Verstehen, Kommunikation prägen heute das moderne Europa in grundlegenden Fragen. Ein scharfer Kontrast zu den damaligen Herrschern in Wien, Paris, London, Moskau, Berlin: Schlafwandler, wie Christopher Clark sie nennt, stolpern blindlings in den Krieg. Kein Verständnis, Verständnis, Kommunikation. Keine tragfähigen Institutionen, um Streitigkeiten durch Dialog und Verhandlungen beizulegen. Aber tiefes gegenseitiges Misstrauen und politische Kurzsichtigkeit, dem Muster von Macht und Macht folgend. In Berlin (und anderswo) herrschte statt Deeskalation Eskalation. Eine auffallend beunruhigende Geschichte darüber, wie in ganz Europa die Eliten in Politik, Militär und, ja, Diplomatie versagt haben. Die dramatischen Folgen sind bekannt.

Als 1989 endlich die Berliner Mauer fiel, brachte dies die friedliche Wiedervereinigung Europas und – so dachten wir – das Ende aller Blockkonfrontationen. Einige haben bereits das Ende der Geschichte verkündet. Wir alle glaubten, Kriege in Europa seien unmöglich geworden.

Vorzeitig. Die Geister der Vergangenheit kehrten zurück. Die Balkankriege in den 1990er Jahren brachten Blutvergießen und Flüchtlingsströme bis vor die Haustür der EU. Und wer hätte sich noch vor einem halben Jahr die schlimmste Konfrontation mit Moskau seit dem Kalten Krieg über die Lage in der Ukraine und die Annexion der Krim vorgestellt?

Ich habe viele Jahre in Konfliktzonen, insbesondere auf dem Balkan, gearbeitet, zunächst als stellvertretender Hoher Repräsentant in Sarajevo, später als Sonderbeauftragter des UN-Generalsekretärs und Chefs der UNMIK im Kosovo und – vor meiner Entsendung in Indien – als Sonderbeauftragter der Bundesregierung für Afghanistan und Pakistan.

Meine Erfahrung in allen Szenarien war dreifach. Erstens werden widersprüchliche Gesellschaften nicht unbedingt von Hass getrieben, sondern von ursprünglicher Angst. Angst vor dem anderen. Tiefes Misstrauen. Selbst ein solides Netz diplomatischer Mechanismen oder starke gegenseitige wirtschaftliche Verbindungen können nicht halten. Im Jahr 1914 waren Europas Volkswirtschaften und Kulturen so eng miteinander verflochten, dass viele einen Krieg in Europa für einfach irrational und gegen die eigenen Interessen der Länder hielten. Virtuell unmöglich. Und doch stürzten sich ganze Gesellschaften kollektiv in die Dunkelheit des Krieges.

Zweitens: Wenn Sie von außen kommen, um zwischen Konfliktparteien zu vermitteln, müssen Sie vertrauenswürdig und glaubwürdig sein. Alle Konfliktzonen haben eines gemeinsam: ein Vertrauensvakuum. Der Mediator darf keine eigene Agenda haben. Andernfalls scheitert das Engagement von außen.

Drittens braucht es zur Überwindung von Konflikten nicht nur eine starke und überzeugende Vision, die Misstrauen und Angst entgegenwirkt. Sie brauchen nicht nur einen organisierten Dialog. Du brauchst mehr. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, sich von der eigenen reduzierten Perspektive zu lösen, über festgefahrene Interessen hinauszugehen, das übliche Nullsummenspiel hinter sich zu lassen, bereit zu sein, einen Preis für den Frieden zu zahlen.

Dies ist eine grundlegende Lehre aus dem Jahr 1914: Keine Seite war hundertprozentig richtig oder hundertprozentig falsch. Alle waren Gefangene der Umstände, gefangen in ihrer eigenen Perspektive. Niemand hatte die Vision oder den Mut, sich von den Mustern der Vergangenheit zu lösen und stattdessen in das Verständnis der Position und Motive des anderen zu investieren. Europa schlafwandelte kollektiv und individuell in Richtung Zerstörung.

Wenn Sie Konflikte überwinden wollen, egal ob heiß oder eingefroren, müssen Sie die Hand ausstrecken, über den Tellerrand hinaus denken; Sie müssen bereit sein, politische Risiken einzugehen. Eine Lektion, die auf viele Hotspots der Welt anwendbar ist. Auch nach Südasien. Es war in der Tat eine mutige Geste des neuen indischen Premierministers, seinen pakistanischen Amtskollegen zu seiner Vereidigung nach Delhi einzuladen. Und es war eine ebenso mutige Geste des pakistanischen Premierministers, die Einladung anzunehmen.

Heute sind wir vernetzter denn je. In einem immer komplexer werdenden internationalen Umfeld ist mutiges diplomatisches Handwerk für Frieden und Stabilität unerlässlich. Manchmal müssen Risiken eingegangen werden. Außenpolitische Akteure brauchen einen nüchternen Blick nicht nur auf ihre eigenen Interessen, sondern auch auf die ihrer Nachbarn und Partner. In der heutigen Welt müssen wir in den Aufbau von gegenseitigem Vertrauen und Verständnis investieren.

Die Globalisierung zwingt uns, Verantwortung zu übernehmen, die manchmal über unsere engen Interessen hinausgeht. Auch wenn sie außerhalb unserer gewohnten Komfortzone liegen. Der 28. Juni 1914 ist eine erschreckende Erinnerung daran, was passiert, wenn wir diese Prinzipien ignorieren.

Der Autor ist deutscher Botschafter in Indien
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