Shashi Tharoor hat Recht, Ramayana und Mahabharatha müssen für ihre literarische Brillanz gefeiert werden

Die beiden Epen als ein Werk der Religion zu lesen, ist ungerechtfertigt und nur politisch motiviert.

Shashi Tharoor, Shashi Tharoor neues Buch, Tharoor, Ramayana, Mahabharata, Shashi Tharoor über Ramayana und Mahabharata, Shashi Tharoor in Lucknow, Indian ExpressKongressabgeordneter Shashi Tharoor (PTI-Foto)

Immer wieder herrscht Unklarheit, wenn man an die Rolle der antiken Literatur für die Gesamtentwicklung eines Landes denkt. Es ist schwer zu sagen, ob es als Quelle der Geschichte oder als Beweis für die kreativen Errungenschaften eines Landes oder als evangelische Wahrheit angesehen werden sollte, die den religiösen und kulturellen Überzeugungen einer Gemeinschaft Substanz verleiht. In einem kürzlich in Lucknow gehaltenen Vortrag soll der Kongressabgeordnete Shashi Tharoor gesagt haben, dass die indischen Epen Mahabharata und Ramayana als Literatur für Schulkinder und nicht als religiöse Texte gelehrt werden sollten. Tharoors Kommentar wird sicherlich Gegenreaktionen von denen hervorrufen, die fest davon überzeugt sind, dass die beiden großen Epen destillierte hinduistische Weisheit sind. Würde man Tharoors Bemerkung jedoch objektiv untersuchen, würde man erkennen, warum es tatsächlich notwendig ist, das Ramayana und das Mahabharata als literarische Errungenschaften des indischen Subkontinents und nicht als hinduistische Texte zu lesen.

Erstens haben Historiker immer wieder darauf hingewiesen, dass der Hinduismus, wie wir ihn heute kennen, weit davon entfernt ist, eine institutionalisierte Religion wie der Islam oder das Christentum zu sein. Hinduismus ist vielmehr eine Lebensweise, die mit der Kolonialisierung des Landes durch die Briten einen institutionalisierten Rahmen erhielt. Wenn man die Dinge aus dieser Perspektive betrachtet, wäre es schwer zu sagen, dass das Ramayana und das Mahabharata, wie sie vielleicht zwischen dem 4. Jahrhundert v. Anders als der Koran und die Bibel, die die Aussagen des Propheten und Jesu enthalten, sind Ramayana und Mahabharata im Grunde lange poetische Erzählungen mit einer eher moralischen als religiösen Ausrichtung. Die beiden Epen als ein Werk der Religion zu lesen, ist ungerechtfertigt und nur politisch motiviert.

Wenn man die gegebene hinduistische Identität der beiden Texte beiseite lässt und sie wie ein literarisches Werk liest, würde man erstaunt sein, welche Art von literarischem Wunderwerk vor so vielen Jahrhunderten aus dem Subkontinent geschaffen wurde. Das Mahabharata gilt als das längste Epos der Welt, viel länger als die beiden großen griechischen Epen - Ilias und Odyssee. Das Epos enthält etwa 100.000 Verse und beinhaltet Kenntnisse über Staatskunst, Philosophie, Recht und Ethik. Das Ramayana hingegen enthält 24.000 Verse und wird nicht nur in Indien, sondern auch international so geschätzt, dass im Laufe der Jahre mehrere Nacherzählungen des Epos in ganz Südasien veröffentlicht wurden. Die Essenz der beiden Epen muss in ihrer literarischen Brillanz verortet werden.



Die andere Sache, die man von beiden Ethiken mitnehmen kann, sind die Details, die sie in Bezug auf die menschliche Erfahrung im ersten Jahrtausend u. Z. liefern. Literatur ist vielleicht eine der besten Quellen der antiken Geschichte. Dies ist bei Ramayana und Mahabharata noch mehr der Fall, da sie die menschlichen Emotionen detailliert beschreiben, mit denen sich der moderne Mensch identifizieren kann. Das soll nicht heißen, dass die beiden Texte historisch korrekt sind. Sie bieten jedoch als Bezugspunkte zum Verständnis der alten indischen Gesellschaft.

Der größte Beitrag der beiden Epen ist jedoch die Art von Substanz, die sie unserer Identitätsbildung als Inder verleihen. Wie Tharoor im selben Vortrag betonte, wiederholen wir einfach die Tatsache, dass der Westen in seinen literarischen Leistungen überlegen ist, wenn Schulen ihren Schülern Shakespeare beibringen und die alten indischen Texte weglassen. Klassische indische Texte müssen zu einem Teil der Identität aller Inder, unabhängig von der Religion, gemacht werden. Die literarische Brillanz, die das Ramayana und das Mahabharata ausmacht, muss nicht als Errungenschaft einer glorreichen hinduistischen Vergangenheit verstanden werden, sondern als Errungenschaften hochqualifizierter, talentierter Schriftsteller vom indischen Subkontinent.